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Buchhaltungsbüro
Sterbende Kinder sehen keinen Erlkönig

Immer wieder rauscht das Thema "sexueller Missbrauch" durch den Blätterwald, sensationell aufgemacht und als spektakulärer Einzelfall: ob es sich um die Fälle Epstein, Savile oder ein Internat, einen Kinderchor, Trainer von Olympiamannschaften usw. handelt. Gleichzeitig weiß die Statistik, dass 7 bis 10 % aller Jugendlichen eine Missbrauchserfahrung erleiden. Dass unsere Literaturklassiker das Thema auch kannten, ist keine schwer nachvollziehbare Überlegung. Dass sie es literarisch verarbeiteten, liegt genauso nahe. Aber sprechen wir darüber im Deutschunterricht in der Schule, wo die Opfer und potentiellen Opfer im Unterricht sitzen? Nein, das tun wir nicht. Der Deutschunterricht vermeidet das unter Inkaufnahme von gravierenden Fehlinterpretationen und unwissenschaftlichen Zugängen zum Literaturunterricht. Der Sohn in Goethes Erlkönig erzählt seinem Vater von einer Vergewaltigung, der Vater hört nur das Rauschen der Blätter.

 

Der Doktor im Woyzeck spricht verklausuliert von Kinderpornografie, der Lehrer dagegen vom "Sozialdrama". Der Bahnübergang in Hauptmanns Novelle ist symbolisch gemeint, das Kind des Bahnwärters wird nicht nur misshandelt, sondern missbraucht, dafür steht das Dingsymbol "Eisenbahn". Nicht nur die Schule, sondern auch die Literaturwissenschaft macht um diese brisanten Inhalte einen Bogen wie die Katze um den heißen Brei. Warum eigentlich? In der Öffentlichkeit ist das Tabu, den sexuellen Missbrauch anzuprangern, längst gefallen, spätestens seit dem die Frankfurter Rundschau im Jahre 2010 zum wiederholten Male den sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule aufgedeckt hatte. Letztere gibt es nicht mehr. Um diese Mauer des Schweigens, die sich nur noch in der Schule und in der Universität um unsere kanonischen Klassiker zieht, zu durchbrechen, wurde die Seite  https://www.georg-buechner.net/ eingerichtet. Hier können sich die Schülerinnen und Schüler, aber auch das Lehrpersonal und Studierende über die teils versteckten, teils offensichtlichen Anspielungen Georg Büchners über die prekäre innerfamiliäre Beziehung von Täter und Opfer sowie die Kontaminierung der Nebenfiguren durch Pädophilie informieren.

 

Dabei geht es weniger um Interpretation, sondern um die Bestandsaufnahme dessen, was tatsächlich im Text steht und was nicht. Im Hinblick auf den "Erlkönig" beispielsweise nichts von "Fieber":  https://www.georg-buechner.net/der-blinde-fleck/.  Wer sich genauer über Büchners Woyzeck-Fragment informieren will, kann in dem Buch von Christian Milz "Georg Büchner. Dichter, Spötter, Rätselsteller. Entschlüsselungen. weiterlesen. Eine Rezension in der renommierten Zeitschrift "Germanistik" 54 bestätigt im Wesentlichen Milz' Analyse.

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